
Walliser Boten 13. September
2010
Weltfrauenmarsch in Unterbäch
durchgeführt
Stände informierten über verschiedene Projekte, wie zum Beispiel
über das in Burkina Faso.
Anlässlich des 3. Weltfrauenmarsches wurde in Unterbäch eine Wanderung
mit anschliessender Landsgemeinde durchgeführt.
Bevor die Wanderung startete, wurde auf dem Schulhausplatz eine kleine Eröffnungsfeier
abgehalten. Rednerinnen waren unter anderen Gemeindepräsidentin Rosa
Weissen, Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten und Präsidentin
des Vereins ZukunftFrau, Germaine Zenhäusern. Trotz des schönen
Wetters hielt sich die Besucheranzahl in Grenzen, aber die Stimmung liess
man sich nicht verderben. Mit viel Enthusiasmus wurde auf die Probleme der
Stellung der Frau in unserer Gesellschaft hingewiesen, vor allem im politischen
Geschehen. «Wir haben zwar bereits einiges erreicht, aber es gilt noch
immer einige Hürden zu nehmen», erklärt Staatsrätin Waeber-Kalbermatten.
In der anschliessenden Landsgemeinde wurden mögliche Lösungen zwar
besprochen, klar ist aber allen Beteiligten, dass es ein langer Weg in die
politische Gleichstellung zwischen Frauen und Männern wird. «Aufgeben
werden wir nicht», verspricht Germaine Zenhäusern.
Die Stände, die rund um den Schulhausplatz in Unterbäch aufgebaut
wurden, stellten Projekte verschiedener Frauenvereine dar. Viele Projekte
finden im Ausland statt. «Wir können von der Begegnung mit anderen
Kulturen nur profitieren», so Waeber-Kalbermatten, «Wir wollen
durch diese Projekte Lichtblicke für die Frauen im Ausland setzen.»
Abends wurde noch ein Film über den ersten Urnengang der Frauen in Unterbäch
gezeigt, um sich bewusst zu werden, was man in den vergangenen 40 Jahren bereits
alles erreicht hat.
1957 hat sich das kleine Walliser Bergdorf Unterbäch in den Rarner Schattenbergen nicht nur schweizweit, sondern international ins Rampenlicht gestellt. Gegen Recht und Gesetz durften die Frauen erstmals an der Urne abstimmen, sage und schreibe 14 Jahre bevor in der Schweiz den Frauen das Stimm- und Wahlrecht zugestanden wurde. Wieso heisst diese Region eigentlich Rarner Schattenberge? Es war doch ein Sonnenstrahl ins Herz aller Frauen, die sich bis zu diesem Zeitpunkt für die Gleichstellung eingesetzt haben. Ein Sonnenstrahl, der bis zum heutigen Tag nachhaltig das „Rütli der Schweizer Frau“ erstrahlen lässt.
2011 – also im kommenden Jahr – werden es 40 Jahre seit der Einführung des Stimm- und Wahlrechts der Frauen in der Schweiz sein. Vieles hat sich in der kantonalen und nationalen Politik seither geändert und verändert. Doch ist die Politik auch frauenfreundlicher geworden? Ja, die Stellung der Frau in der Gesellschaft wurde beispielsweise mit dem Gleichstellungsgesetz und dem neuen Eherecht aufgewertet. Doch jede Verbesserung ist weiterhin ein langwieriger Prozess. Mit dem Stimm- und Wahlrecht allein ist es noch nicht getan.
Im Vergleich mit unserer hochtechnisierten Informatikwelt ist das Stimm-
und Wahlrecht die Hardware. Also die Basis zum Handeln. Wir Frauen sind nun
die Software. Es ist also an uns, diese Herausforderungen anzunehmen, uns
zu engagieren und alle Möglichkeiten wahrzunehmen, als Anwender zu fungieren.
Bei meiner Wahl 2009 als erste Frau in die Walliser Regierung haben mich die
unzähligen Gratulationen der Frauen gefreut. Die meisten mit dem Nachsatz
„endlich eine Frau“ liessen mich auch hoffen. Doch ich frage mich
auch oft, wo sind die Frauen, die sich in der Politik engagieren? Ein Beispiel:
Das Oberwallis zählt 72 Gemeinden. In nur gerade 9 Gemeinden haben wir
eine Gemeindepräsidentin. Und da bin ich froh, dass das „Rütli
der Schweizer Frau“ mit Rosa Weissen zu dieser Minderheit zählt.
Fürs Oberwallis sind es in diesen 72 Gemeinden total 381 Gemeinderäte.
Davon sind sage und schreibe nur 47 Gemeinderätinnen. Und das bei einem
Frauenanteil der Stimmbevölkerung von über 50 Prozent.
Gewiss – die Hürden für die Frauen sind nach wie vor höher. Dies belegen z.B. Analysen bei Stellen-Ausschreibungen. Gleichwertige Ausbildung, korrekte Dossiers = (gleich) Misserfolg. Die Devise sollte deshalb lauten: Nicht mutlos werden, jetzt erst recht.
In der Politik warten noch so viele Aufgaben, harren noch viele Herausforderungen auf eine Lösung: im Wallis, in der Schweiz – weltweit. Mit der notwendigen Solidarität untereinander schaffen wir diese Hürden, erreichen wir jedes Ziel, davon bin ich überzeugt.
Ich denke da beispielsweise auch an die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für Ergänzungsleistungen an junge Familien und alleinerziehende Frauen, die mit einem Einkommen unter dem Existenzminimum auskommen müssen. Allein im Wallis betrifft das rund 2000 junge Familien oder Frauen mit Familien- und Erziehungsaufgaben.
Der Weltfrauenmarsch 2010 will weltweit den ökologischen Wandel, will
ein Zeichen setzen gegen Armut und Gewalt an Frauen. Ein hochgestecktes, aber
ein wichtiges und vor allem das richtige Ziel.
Die Schweiz und auch das Wallis hat in den letzten Jahren viel in diese Richtung
getan. Ich denke da an die Anpassung vieler Gesetze in diese Richtung. Zum
Beispiel hat man nun die Grundlagen, um gegen Zwangsheirat und Beschneidung
der Frauen, die in der Schweiz leben, vorzugehen, auch wenn die Delikte im
Ausland passieren. Wir haben die Handhabe, um Menschenrechte und Grundrechte
zu wahren.
In meinem Departement ist die Migration und Integration der ausländischen Bevölkerung ein wichtiger Eckpfeiler. Der Kontakt und die Begegnung mit andern Kulturen ist ein wichtiges Anliegen. Gegenseitig aufeinander zugehen, einander achten und beachten, würde vieles erleichtern. Ein Miteinander ist eine gegenseitige Bereicherung.
Aber es gibt auch Lichtblicke, wie zum Beispiel bei diesem Anlass hier, wo der Erlös an ein Projekt in Burkina Faso geht. Um Frauen in diesem westafrikanischen Land die Grundlage für ein selbständiges Aus- und Einkommen zu schaffen. Solche Projekte kann es nicht genug geben.
Auf einen Lichtblick hoffe ich auch am 22. September, dem Tag der Bundesratswahl. Wird eine weitere – oder werden sogar 2 weitere Bundesrätinnen gewählt?
Gemeinsam sind wir stark – liebe Frauen. Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende im „Rütli der Schweizer Frau“ mit vielen Ideen und Inspirationen für die Zukunft.
Schliessen möchte ich mit folgendem Zitat von der deutschen Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, verfasst im Jahr 1919, also vor 91 Jahren:
"Mehr Stolz, ihr Frauen! Wie
ist es nur möglich, dass ihr euch nicht aufbäumt gegen die Verachtung,
die euch noch immer trifft. - Auch heute noch? Ja, auch heute noch."